Ein „Denk mal!“ errichten

Gedanken zum Jahreswechsel 2018/2019

 Ein  „Denk mal!“ errichten
Paukenschlag am Donnerstag No. 49 /2018  hier als PDF: Ein Denkmal errichten

Denkmäler, oder gerne auch Denkmale, wurden errichtet, um über Jahre, Jahrzehnte, ja Jahrhunderte an Ereignisse oder Personen zu erinnern, von denen wesentliche Impulse für die weitere Entwicklung ausgingen.

Das Denkmal ist immer zugleich auch Mahnmal, die Ermahnung, nicht zu vergessen und sich immer wieder zu vergegenwärtigen, aus welchen Ursprüngen sich von da an die Vergangenheit bis in unsere Gegenwart entwickelte.

Vor dem Hintergrund der vielen Denkmäler aus der Vergangenheit nimmt sich die Denkmalskultur in der seit 1949 und insbesondere in der seit 1989/90 bestehenden Bundesrepublik Deutschland recht bescheiden aus. Nach den in den ersten Nachkriegsjahren überall neu errichteten oder ergänzten Ehrenmalen für die Gefallenen der beiden Weltkriege ist im Westen nicht mehr viel gekommen – und im Osten ist so mancher Marx und Lenin vom Sockel gehoben worden.

Man hat Orte des Nationalsozialistischen Verbrechens konserviert und im Herzen der Hauptstadt ein ganzes Feld mit liegenden Stelen installiert, aber sonst ist nichts weiter geschehen, was den vorbeikommenden Menschen ein „Denk doch mal!“ zuraunen würde.

Willy Brandt steht in der Parteizentrale, sitzt auch leger im Stil moderner Innenstadtmöblierung in Nürnberg, gegenüber der HUK, auf einem Betonklotz, doch das war es schon so ziemlich. Helmut Kohls Kopf – der Rest  ist weg – ist vor dem Springer-Hochhaus in Berlin auf einen Sockel gesetzt worden.

Da raunt allerdings nichts dieses „Denk doch mal!“. Da ist in gefälliger Form das vorgeschriebene Budget für die Kunst am Bau ausgegeben worden. Mehr nicht.

In unseren Tagen ist die Begegnung mit der Realität, ob nun in Stein gehauen oder in Bronze gegossen, ob schneebedeckt, regennass, taubenbeschissen oder sonnenbestrahlt, allerdings längst nicht mehr das Mittel der Wahl.

Viele von uns nehmen die Außenwelt an Bildschirmen unterschiedlicher Größe sehr viel lieber wahr als im direkten Blickkontakt mit dem Original. Schon, weil man das Original nicht heranzoomen oder wegklicken kann, sicherlich aber auch, weil das vom Server heruntergeladene Abbild vom Urheber der Abbildung in einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Objekt so ins Licht oder ins Unrecht gesetzt wurde, wie es uns in der peinlich-analogen Realität erst recht nicht möglich ist.

Es wird viel darüber spekuliert, welche Folgen das Eintauchen der Spezies Mensch in virtuelle digitale Welten für das Selbstverständnis einerseits und die (Über-)Lebensfähigkeit andererseits  haben könnte.

Das Verschmelzen von Mensch und Maschine erscheint gar nicht mehr so fern. Arbeiter mit stählernen Exoskeletten bewegen mit Hilfe pneumatischer oder hydraulischer Systeme tonnenschwere Gegenstände, Netzhautnachbildungen aus lichtempfindlichen Schichten sind mit dem Sehnerv verwachsen und liefern erste Bilder, von der Qualität her zwar kaum besser als die ersten Schwarzweiß-Fotografien des Monsieur Daguerre aus den 1830er Jahren, aber es sind Bilder, die Blinde wenigstens wieder ein bisschen sehend machen. Das Implantieren von Herzschrittmachern, ja sogar von ganzen Kunstherzen ist klinischer Alltag. Künstliche Hüft- und Kniegelenke sind neben Zahnprothesen und implantierten Kunstlinsen  weitere  Artikel aus dem Ersatzteilkatalog, derer sich bedienen kann, wem ein funktionierendes Gesundheitswesen und das nötige Geld zur Verfügung steht oder gestellt wird.

RFID-Chips, unter die Haut gepflanzt, sind bei größeren Nutztieren die Regel. Menschen haben allerdings auch damit begonnen, sich per Annäherung an einen RFID-Empfänger zu identifizieren, womit sich verschlossene Türen wie ein Sesam-öffne-Dich bewegen lassen und mit einer Handbewegung eine Rechnung beglichen werden kann.

Unsere Fortbewegung erfolgt überwiegend unter Nutzung von Maschinen, die nicht nur, wie einst die Pferde, von alleine heim-, sondern auch jedes beliebige Ziel, das wir versteckten Mikrofonen zuflüstern, zu finden in der Lage sind. Bald ganz ohne menschlichen Eingriff.

Menschheitsträume werden wahr. Wir überwinden Schritt für Schritt die uns von der Natur gesetzten Grenzen und gewinnen immer neue Fähigkeiten, die es uns sogar ermöglichen, aus tausenden von Kilometern Entfernung unsere Feinde auszuspähen und sie gegebenenfalls mit den Waffen der Drohne zu vernichten.

Zudem überwinden wir die Grenzen der uns gesetzten Lebenszeit. Viele Krankheiten, die früher unweigerlich zum Tode führten, können geheilt oder zumindest aufgehalten werden. Viele Verletzungen, die früher unweigerlich den Tod zur Folge hatten, können repariert oder zumindest durch künstliche Hilfsmittel so gelindert werden, dass sogar Unterschenkelamputierte mit großem Geschick an Wettläufen teilnehmen können.

Wer sich vernünftig ernähren kann und mit seinem Körper nur wenig Schindluder treibt, hat heute gute Aussichten, 90 Jahre und älter zu werden.

 

Es sind auf dieser Welt Zustände und Verhältnisse geschaffen worden, die einen großen Teil unseres alltäglichen Lebens für die Menschen von vor nur hundert Jahren als pure Science Fiction, Spinnereien, Unmöglichkeiten hätten erscheinen lassen.

In einer wahren Explosion der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Anwendungsmöglichkeiten wurde die Menschheit aus einer Welt des Offensichtlichen herausgerissen und in eine Welt des Unerklärlichen versetzt.

Wenn ich jetzt von mir spreche, dann im Grunde nur, um Sie zu animieren, sich einen Überblick über den Teil der Welt zu schaffen, den Sie noch erklären können.

Wenn ich auch selbst keine der modernen Programmiersprachen mehr beherrsche, habe ich doch die Grundzüge der Logik des Programmierens verinnerlicht. Wer mit maschinennahen Sprachen begonnen hat, also noch die Zeilen eines Assembler-Programmes syntaxrichtig zu füllen hatte, um dann COBOL zu lernen und danach auf dem C64 in Basic aktiv war, wer am Entwurf von Datenbanken mitgewirkt hat, weiß ungefähr noch, worauf es ankommt.

Hardwareseitig wird es schwieriger. Wie eine Festplatte funktioniert, das habe ich noch mitbekommen, wie ein Flash-Speicher funktioniert, was sich im Inneren eines USB-Sticks abspielt: Keine Ahnung. Auch die gesamte Hardware-Architektur vom Motherboard über Grafikkarten usw., das sind für mich nichts anderes als Bauklötze, die in der richtigen Reihenfolge zusammengestellt werden müssen. Eine alte Bildröhre habe ich noch verstanden. Wie die Pixel in LED-Bildschirmen angesteuert werden können, ist mir auf meinem Wissenstand unerklärlich.

Was Funkanwendungen betrifft, kann ich noch grob erläutern, auf welche Weise Signale codiert und dekodiert werden, habe von Röhren ausgehend und später auf Transistoren übertragen auch halbwegs eine Ahnung, auf welche Weise die Verstärkung des Empfangssignals erfolgt, bin aber in allen Fragen, die sich direkt auf die heute übliche Hochfrequenztechnik beziehen, schon wieder überfordert. Wie das Mobilfunknetz aufgebaut ist und funktioniert könnte ich auch noch ziemlich detailliert erklären.

Fragen der Teilchenphysik interessieren mich, aber nach welchem Prinzip ein Quantencomputer arbeiten soll, erschließt sich mir absolut nicht.

Den Geistesblitz Wernher von Brauns bezüglich der Raketengleichung konnte ich nachvollziehen als ich erstmals davon gelesen habe. Welche Techniken  jedoch erforderlich sind, damit hyperschallschnelle Raketen anfliegenden gegnerischen Abwehrraketen ausweichen und dennoch präzise das vorgesehene Ziel treffen können, ist mir ein Rätsel.

Die Computertomografie als bildgebendes Verfahren und die dafür erforderliche Rechenleistung  um zu 3-D-Modellen des Körperinneren zu gelangen, gehört bei mir zu jenen Dingen, deren Funktionsweise ich noch zu erahnen glaube, würde allerdings nicht den Mut aufbringen, dazu eine öffentliche Erklärung abzugeben.

Computergesteuerte Werkzeugmaschinen und ganze Roboterstraßen sind wieder einfachere Projekte, vielleicht sogar mit einem dominierenden Anteil feinmechanischer Künste.

Das Utah Data Center der NSA in Bluffdale in der Nähe von Salt Lake City übersteigt mein Vorstellungsvermögen jedoch wieder bei Weitem. Da sind nicht nur die gigantischen Zahlen zum Stromverbrauch (65 Megawatt) und zum Kühlwasserbedarf (270.000 Liter pro Stunde), es sind vor allem die Distanzen. Wo Server eine Fläche von 150.000 Quadratmetern belegen wird die Synchronisation schwierig. Mehr als Lichtgeschwindigkeit steht zwischen diesen Severn nicht zur Verfügung. Bei einer Taktung mit 3 Gigahertz hat ein Takt noch rund 10 Zentimeter Leitungslänge zur Verfügung. Jeder Meter Distanz wird zu einem Problem – es sei denn, die Architektur der gesamten Anlage ist auf eine für mich unerklärliche Weise optimiert.

Eine Mondlandung erscheint mir dagegen (theoretisch) wieder als einfache Aufgabe, vorausgesetzt, es sind keine Astronauten an Bord. Vermutlich hätte schon Galilei die Raketenbahn zumindest grob berechnen können.

Was den Bereich Chemie betrifft, habe ich grundsätzlich keine Ahnung, da ist auch vom Schulwissen nichts Nennenswertes mehr übrig.

Gentechnik, ja, ich weiß, ganz grob, was da manipuliert wird – aber fragen Sie mich nicht, wie. Wie funktioniert eine Genschere? Wie kann man ein Enzym dazu bringen, an einer ganz bestimmten  Stelle des Genoms ein Stück herauszuschneiden, wie fügt man Gensequenzen in ein bestehendes Genom ein? Nichts. Da fehlt es mir.

Künstliche Intelligenz? Ich bin weiterhin überzeugt, dass man bestimmte „mentale“ Fähigkeiten, wie das Erkennen von Gesichtern, oder die Beherrschung des Schachspiels oder die Vorhersage einer Schwangerschaft aufgrund der bei Amazon gespeicherten Daten einer Kundin nicht als Intelligenz bezeichnen kann, weil Intelligenz Bewusstsein und Willen voraussetzt. Was jedoch auf diesem Gebiet möglich ist, und das selbstfahrende Auto gehört da wieder zu den einfacheren Übungen, weil die Aufgabe durch eine endliche Zahl von Rahmenbedingungen definiert ist, das ist erstaunlich und für mich auch nicht mehr konkret nachvollziehbar.

Wo nun Politiker, die von der wissenschaftlich-technischen Entwicklung kaum mehr Ahnung haben als der Durchschnittsbürger, weshalb deren Zielsetzungen nur aus dem Kreis der zugelassenen Lobbyisten kommen können – und dies in der gebotenen Vereinfachung unter Verschweigen von Risiken für die Bevölkerung und unter Verschweigen der materiellen Interessen ihrer Auftraggeber, ist es – egal welche Partei gerade regiert – geradezu fahrlässig, unser aller Schicksal, letztlich das Schicksal der Welt, in die Hände solcher Dilettanten zu legen.

Denk mal!

Die ersten Reaktionen auf diesen Gedanken werden alle negativ und ablehnend ausfallen:

Wir haben doch keine anderen.
Wie soll das denn gehen?
Bis jetzt ist ja immer noch alles gutgegangen.
Nee, dafür hab ich keine Zeit!
Schön wär’s. Aber …

Das ist immer so. Der Mensch ist änderungsscheu und zieht das Gewohnte, auch wenn es noch so unbequem ist, dem Unbekannten vor. Von daher kommen immer