Category: Wirtschaft, Handel, Währungen

Oktober 18th, 2018 by Egon W. Kreutzer

Ein Journalist ist ab- und (noch) nicht wieder aufgetaucht.

So tragisch das immer noch vollkommen unklare Schicksal dieses regimekritischen Journalisten auch verlaufen sein mag, die überbordenden Schlagzeilen machen skeptisch. Doch anders als beim ähnlich medial aufgeblasenen Fall Skripal geht es diesmal anscheinend nicht gegen den Präsidenten im Kreml, sondern gegen den Machthaber im Weißen Haus.

 

Die Gerüchteküche brodelt. Internationale Wogen der Empörung schlagen über den saudischen Ölförderanlagen zusammen. Es ist eine Mega-Sau, die da durchs Dorf getrieben wird – und das ohne klar erkennbaren Grund.

Es ist gar nicht so einfach, noch herauszufinden, wer damit angefangen hat, die Behauptung in die Welt zu setzen, Herr Khashoggi sei im Anwesen der saudischen Botschaft in Istanbul ermordet worden. Es sieht allerdings ganz danach aus, als sei Erdogans Türkei die Mutter aller diesbezüglichen Gerüchte.

Inzwischen ist Khashoggi nicht nur verschwunden, sondern dem Vernehmen nach auch vergiftet, gevierteilt, gefoltert und enthauptet worden, und das von einem 15-köpfigen Team des Kommandos Spezialkräfte des saudischen Königshauses. Eine Audio-Aufnahme soll das Flehen des Botschafters enthalten, die Sache doch bitte „draußen“ zu erledigen und Donald Trump, so berichtet die WELT, übe im Fall des Journalisten Khashoggi kaum Druck auf die Scheichs aus.

Warum sollte er das?

Kann mir irgendwer erklären, warum der Präsident der USA Druck auf die Saudis ausüben sollte, weil ein Journalist vermisst wird?

 

Es gibt nur eine Antwort, die einen Sinn ergibt, und die lautet:

Midterm elections

Am 6. November finden in den USA Wahlen statt. Das Repräsentantenhaus wird vollständig neu besetzt, ein Drittel der Senatoren und 39 Gouverneure werden neu bestimmt.

Stimmung gegen Trump anzufeuern, so kurz vor diesen wichtigen Wahlen, ist eine Gelegenheit, die sich die in die Opposition verbannten Globalisten der Hillary-Fraktion nicht entgehen lassen. Ihr Kampf geht weiter, unerbittlich. Und auch wenn es vollkommener außenpolitischer Unfug ist, auf den sich Hillary Clinton selbst niemals einließe, ist es doch die billigste Masche, die Forderung an Trump zu richten und genüsslich zuzusehen, unter welchen Glaubwürdigkeitsverlusten er versucht, sich aus der Falle  herauszuwinden. Es genügen ja wenige Prozentpunkte, um das Wahlergebnis gegen Trump kippen zu lassen – und irgendetwas bleibt immer hängen.

Kein Wunder, dass die Transatlantikerpresse hierzulande den Plot begierig aufnimmt und Trump vorwirft, in Menschenrechtsfragen zu schweigen, aber an Privatgeschäften mit Riad gut zu verdienen. Zum Beweis wird dann ein vollkommen legales Immobiliengeschäft von vor 17 Jahren vorgetragen, als die Saudis sich ein komplettes Stockwerk im Trump World Tower in New York kauften. Welch ein Verbrechen Trumps!

Die tatsächlichen Interessen der USA, die Trump zu vertreten hat, werden zwar auch erwähnt, aber so hingestellt, als ginge es sowohl bei den Rüstungsexporten der USA an Saudi Arabien als auch bei der Kooperation gegen den gemeinsamen Feind Iran um nichts als die persönlichen Interessen des amtierenden Präsidenten.

Soweit eine komprimierte Darstellung dieses t-online-Artikels.

Noch haarsträubender liest sich die Welt, die aus dem Khashoggi-Verschwinden glatt eine Offenbarung zusammenschreibt, die da lautet:

„Trump hat sein Land und die Welt mit seiner Politik
in eine fatale Abhängigkeit von den Scheichs geführt“.

Das ist heftig – aber nicht wahr. Auch das Kramen der WELT in den Statistiken über die Ölforderung bringt den gewünschten Beweis der Abhängigkeit der USA von den Saudis nur mit Hilfe der Behauptung, die Ölförderung der USA reiche nicht aus, den eigenen Bedarf zu decken. Dabei berichtete die Wirtschaftswoche schon im August 2014 von ersten Öl-Exporten der USA und alle Beobachter sind sich einig, dass die USA, sollten sie es nicht bereits sein, kurz davor stehen, endgültig zum Netto-Öl-Exporteuer aufzusteigen.

Da gibt es also definitiv nichts, was auch nur in die Nähe einer Abhängigkeit kommt.

Doch die WELT legt nach. Die Petro-Dollars! Ein Rekordstand von 170 Mrd. US-Dollars läge in Form von US-Staatsanleihen in den Safes der Saudis. Was, wenn die Saudis die abstoßen?

Nun, vermutlich würden die Chinesen, die weit über eine Billion Dollar in Form von US-Staatsanleihen halten, dafür sorgen, dass der Kurs nicht ins Bodenlose fällt, schon zum Selbstschutz.

Außerdem sind die Petro-Dollars keine Erfindung von Donald Trump sondern im Prinzip das Geschäftsmodell der USA seit der Erschließung der ersten Ölquellen im Nahen Osten:

Öl wird nur gegen Dollar gehandelt. Wer Öl kaufen will, muss erst Dollar erwerben, also in Richtung USA (günstig!) exportieren. Die Scheichs können dann in den USA mit den eingenommenen US-Dollar (teuer!) einkaufen und was dann noch übrig bleibt in US-Staatsanleihen anlegen, was die Staatsfinanzierung der USA dauerhaft mehr als nur sichert.

Außerdem sind die hier angegebenen 170 Milliarden nicht unbedingt ein Höchststand. Am 20. April 2016 berichtete der Focus unter Berufung auf einen Artikel der New York Times, die Saudis hätten dem damaligen Präsidenten Obama angedroht, US Staatsanleihen im Wert von 750 Milliarden Dollar zu verkaufen, sollte ein Gesetz verabschiedet werden, das es ermöglicht, „Sponsoren“ des internationalen Terrorismus vor amerikanischen Gerichten anzuklagen.

Wer 750 Mrd. Staatsanleihen verkaufen will, muss die erst mal haben, oder sollten die Saudis mit Leerverkäufen (lach!) gedroht haben?

Das an Khashoggi aufgehängte Abhängigkeitsgeschreibsel der Welt.

 

Doch zurück zur Eingangsfrage:

Wer hat den Skandal zum Skandal gemacht und warum?

Wenn es, wie es aussieht, Erdogan war, der dafür sorgte, dass das Verschwinden eines Journalisten den Weg in die Medien der ganzen Welt gefunden hat und dass die Meldungen dort seit Tagen immer alarmistischer werden, dann muss davon ausgegangen werden, dass Erdogans Schwanken zwischen USA/NATO einerseits und Russland andererseits als ein Indikator für seine Einschätzung der jeweiligen Stärke des Tiefen Staates in den USA angesehen werden muss.

Geht man davon aus, dass Erdogan zwar nicht das Ergebnis des Machtkampfes kennen kann, wohl aber in der Lage ist, den Trend zu erkennen, dann hat er sich mit dieser Aktion Trump ganz bewusst noch einmal verstärkt zum Feind gemacht, in der Gewissheit, dass die Anti-Trump-Medien den Ball aufnehmen werden, und in der Annahme, dass Trump nicht mehr lange genug im Amt bleiben wird, um sich noch wirksam revanchieren zu können. Ganz klar ein Indiz dafür, dass Erdogans Priorität darin liegt, die Vor-Trump-Verhältnisse wieder herzustellen und sein Flirt mit Putin daneben nur die zweite Wahl darstellt.

Sollte die Aktion jedoch schiefgehen, könnte er immer noch in Richtung Moskau signalisieren, er habe nun mit den Saudis immerhin den Feind des Irans in Schwierigkeiten gebracht und sich damit auch für die Lieferung des S-400 Luftabwehrsystems deutlich erkenntlich gezeigt.

 

P.S.: … und dann war da ja vor einem halben Jahr auch noch der russische Journalist Arkadi Babtschenko, dessen Ermordung von der ukrainischen Polizei gemeldet worden war, bevor er quicklebendig wieder auftauchte …

Wer weiß, ob Kharshoggi nicht auch wieder auftaucht?

 

 

 

 

 

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Oktober 9th, 2018 by Egon W. Kreutzer

Wieder einmal wurde jener Preis vergeben, der immer wieder fälschlich als Nobel-Preis bezeichnet wird, obwohl er mit dem von Alfred Nobel gestifteten Preis nichts zu tun hat, außer, dass die Stifter – die Schwedische Reichsbank – den Preis als „Im Gedenken an Alfred Nobel“ ausloben und verleihen.

Also, Leute,

Fake-News beginnen damit, dass als Nobel-Preis bezeichnet wird, was keiner ist.

Doch wenn Nikolaus Piper, der Mann, der für die Leser der Süddeutschen Zeitung seit Jahrzehnten ungestraft wirtschaftliche Zusammenhänge zurechtbiegt, eine Laudatio auf William Nordhaus und Paul Romer anstimmt, dann bleibt kein Auge trocken.

Endlich! Endlich weiß die schrumpfende Lesergemeinde des Wirtschaftsteils der SZ, wer vor über vierzig Jahren als erster Mensch auf die Idee kam, den CO2-Ausstoß reduzieren zu müssen, damit die Welt-Durchschnitts-Temperatur nicht steigt. Das war eben jener William Nordhaus, der seitdem an  seiner „Ökonomie des Klimawandels“ herumforscht und als Urheber des „Zwei-Prozent-Ziels“ gilt.

Nun muss man allerdings daran erinnern, dass 1975, als bei Williams die Initialzündung einsetzte,  die einhellige Überzeugung der „Wissenschaft“ darin bestand, vor dem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch einer neuen Eiszeit warnen zu müssen.

Hier eine wunderschöne Erinnerung an diese Horrorszenarien.

Dass damals ein noch junger, so genannter „Ökonom“, der Welt das Gegenteil beweisen wollte und – wie weiland die Ablasshändler Roms – die Erlösung vom Schmoren in der Klimahölle von der Entrichtung einer Klima-Steuer abhängig machen wollte und damit den – wie wir heute wissen, kontraproduktiven – Emissions-Ablass-Handel ersann, ist weder ein Beweis dafür, dass sich die Erde überhaupt erwärmt, noch ein Beweis dafür, dass die Erwärmung der Erde, so sie denn stattfindet, tatsächlich maßgeblich vom CO2-Gehalt der Atmosphäre bestimmt wird und wiederum kein Beweis dafür, dass die  menschengemachten CO2-Emissionen einen maßgeblichen Einfluss auf die Veränderung der CO2-Konzentration haben.

Gut, es gibt auch keinen Beweis, für das Gegenteil, aber das ist kein Argument, sondern ein Blödsinn.

Würde ich heute behaupten,die Existenz  von Frischkäse auf der Rückseite des Mondes sei zweifelsfrei erwiesen, weil es keinen Beweis für die Nichtexistenz von Frischkäse auf der Rückseite des Mondes gäbe, würde ich allenfalls ein mildes Lächeln ernten.

Wäre ich allerdings ein Forscher auf dem Felde der Ökonomie, könnte ich aus dem Stand ein „Klima-Wachstums-Modell“ an die Tafel malen, das, wie alle anderen ökonomischen Modelle den großen Vorteil hat, sich in der Realität über kurz oder lang als untauglich herauszustellen.

Wenn klimatische Veränderungen nämlich Anpassungsreaktionen erfordern, dann können diese Anpassungsreaktionen niemals von „Kaufleuten“ ersonnen  und realisiert werden, sondern immer nur von jenen, die im weitesten Sinne als „Techniker“ zu bezeichnen sind.

 

Kaufleute schütten keine Deiche auf und Kaufleute können den CO2-Ausstoß von Verbrennungsmotoren nicht verringern. Kaufleute können keine Fassade dämmen und sie können eine Photovoltaik-Anlage weder ersinnen noch konstruieren, noch installieren.

Kaufleute können immer nur herausfinden, mit welchem Produkt und mit welcher Werbestrategie die größtmögliche Rendite der Investoren erzielt werden kann.

Das gilt auch für jene Vertreter der Kaufmannschaft, die sich als Makro-Ökonomen bezeichnen lassen. Weil sie überzeugt sind, das Funktionieren ganzer Volkswirtschaften oder gar der Weltwirtschaft erklären zu können, erteilen sie auf der globalen Ebene Ratschläge, mit welchen Produkten und welchen Strategien die größtmögliche Rendite der Investoren erzielt werden kann.

Wenn diese Preisverleihung auch ebensowenig irgendetwas beweist, wie  Williams Ökonomie  des Klimawandels, ist sie andererseits aber doch ein gewichtiges Indiz dafür, dass die Klima-Hysterie, die bereits alleine in Deutschland hunderte von Milliarden an Investment vernichtet und an Mehrkosten verschlungen hat, eher eine raffinierte Werbestrategie global agierender Investoren zur Steigerung der Kapitalrendite darstellt, als wirklich einen ernsthaften Versuch,
die Welt zu retten.

Cui bono?

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Oktober 4th, 2018 by Egon W. Kreutzer

 

Reichtum kann nicht dadurch entstehen, dass man Hungerlöhne zahlt und Wucherpreise verlangt.

 Die ganze Sache mit der Produktion und dem Konsum, mit Löhnen und Preisen, auch mit Inflation und Fiat Money geht hinten und vorne nicht auf.

Wer die Welt in zwei Lager teilt und auf der einen Seite die Reichen, das Kapital, die Arbeitgeber ansiedelt und auf der anderen Seite die Arbeitnehmer und Konsumenten, muss feststellen, dass der Versuch der Reichen, dadurch noch reicher zu werden, dass sie die Arbeit billig einkaufen und die Produkte teuer verkaufen, schlicht und einfach nicht funktionieren kann.

Wenn als Kaufkraft nur jene Geldmenge zur Verfügung steht, die von den Arbeitgebern in Form von Löhnen in den Markt eingebracht wurde, ist es vollkommen ausgeschlossen, die Produktion mit Gewinn zu verkaufen. Schließlich gilt: Gewinn = Umsatz minus Kosten

Das erzähle ich nun schon seit fast zwanzig Jahren und während dieser zwanzig Jahre sind die Reichen reicher geworden, obwohl – und weil – die Armen ärmer geworden sind, was nicht gerade als Beweis für meine These gelten kann.

Doch gibt es sicherlich unter meinen Lesern einige, die sich daran erinnern, dass ich auch stets von drei Möglichkeiten gesprochen habe, den Geldmangel auf der Konsumentenseite zu beheben, nämlich den Export, also das Anzapfen eines anderen Wirtschaftsraumes, die Neuverschuldung, also das Anzapfen der Zukunft, sowie das Entsparen und den Verkauf von Sachwerten, also das Anzapfen des vorhandenen Vermögens.

Doch das Potential dieser Möglichkeiten, Liquidität zu generieren, ist begrenzt. Export darf  nicht durch  Import kompensiert werden, sondern „Exportüberschuss“ sein, um wirksam zu werden. Exportüberschuss führt jedoch zwangsläufig zur Verschuldung der Außenhandelspartner und stößt damit ebenfalls an die Grenze der Neuverschuldung, die als „Überschuldung“ in Erscheinung tritt und die Kreditwürdigkeit des Schuldners zerstört. Das Anzapfen von Geld- und Sachvermögen endet spätestens, wenn das positive Vermögen aufgezehrt ist.

Sobald allerdings sämtliche Sachwerte auf der Seite der Reichen, des Kapitals, der Arbeitgeber versammelt sind, wird das Wirtschaften nach kapitalistischen Prinzipien sinnlos. Es stellt sich spätestens dann heraus, dass ein Wirtschaften, dessen einziger Effekt für den Unternehmer darin besteht, noch Geld anzuhäufen, sinnlos ist, weil es nichts mehr gibt, was noch mit Geld zu erwerben wäre.

 

Jüngst wurde eine vollautomatische Paprikaschoten-Erntemaschine vorgestellt.

Angeblich handelt es sich dabei sogar um einen Roboter. Die Tschechen wissen, weil der Begriff ihrer Sprache entstammt, dass „Roboter“ zum Frondienst gezwungene Arbeiter sind.

Der Roboter erledigt also Arbeit. Damit trägt er ganz erheblich dazu bei, die schrecklichen Auswirkungen des Fachkräftemangels zu lindern. Je besser die Roboter werden, und je mehr davon eingesetzt werden können, desto weniger Fachkräftemangel wird es geben. Das ist gewiss, und wenn das Problem des Fachkräftemangels erst einmal vollständig gelöst ist, wird es auch kein Problem mehr sein, die Ernährung von 10 Milliarden Menschen zu sichern.

Darüber jedenfalls macht man sich bei den Unkrautvernichtungschemikern sehr viele Gedanken: Wie man bei beschränkter Anbaufläche, die zudem mit jedem zusätzlichen Menschen sogar eher noch ein bisschen schrumpft, beim Wachstum der Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten soll. Nun, im Grunde ist ja so ein Ackergift auch ein Roboter. Es erledigt zuverlässig die Arbeit, den Acker von den Nahrungskonkurrenten der Nutzpflanzen frei zu halten. Ein Job, den man sonst unter Umständen mechanisch – also schlimmstenfalls mit der Hacke in der Hand von Fachkräften erledigen lassen müsste.

Natürlich ist der Einsatz von Robotern oder Agrochemie bei gleichem Ergebnis  billiger als der Einsatz von Menschen. Etwas korrekter ausgedrückt lautet die fürs Lehrbuch taugliche Aussage:

Rationalisierungsmaßnahmen haben die Senkung der Herstellkosten zum Ziel.

Im Umkehrschluss lässt sich daraus ableiten: Die Investition in einen Roboter, dessen Gesamtkosten (Anschaffung + Wartung + Energie) – über seine gesamte Nutzungszeit gesehen – höher sind als die Lohnkosten, die zur Erzielung der gleichen Leistung aufgebracht werden müssten, ist nicht rentabel.

Darf ich Sie einladen, an einem Gedankenexperiment teilzunehmen:

Stellen Sie sich eine Welt vor,  in der nur eine einzige Ware – nämlich die Paprikaschote – produziert, distributiert und konsumiert wird.

In dieser Welt werden selbstverständlich Löhne bezahlt an festangestellte Paprikapflanzer, teilzeitbeschäftigte Paprikagießer, Zeitarbeitskräfte, die den Paprikadünger ausbringen und polnische Saisonarbeiter, die die Paprikaernte einbringen, Paprikafachverkäuferinnen in Paprikasupermärkten wären auf 450 Euro-Basis beschäftigt und erhielten aufstockende Leistungen vom Amt. In dieser Welt werden selbstverständlich auf alle Löhne Steuern fällig und Beiträge für die Arbeitslosen- und die Rentenversicherung (Krankenkasse gibt es nicht, es  gibt ja in dieser Welt keinen Medizinbetrieb). An der Supermarktkasse wird die Mehrwertsteuer einbehalten, alles so, wie bekannt, sogar genauso gerecht oder ungerecht, egal.

Die Frage ist: Wie wirkt es sich auf diese Welt aus, wenn die Paprika-Ernte, die bisher von polnischen Saisonarbeitern eingebracht und mit fünf Euro pro 50 kg bezahlt wurde, in der nächsten Saison vollständig von Ernterobotern übernommen wird?

Nun, ist gar nicht so schwer zu beantworten, oder?

Der Export von Paprikaschoten nach Polen bricht zusammen, weil die polnischen Saisonarbeiter kein Geld mehr verdienen. Macht nix. Was gehen uns die Polen an.

 

Dummerweise bleiben jetzt doch einige unverkäufliche Paprikaschoten in den Märkten liegen und müssen über die Biomüll-Tonne entsorgt werden. Außerdem hat der Staat ein bisschen weniger Steuern eingenommen, was kleine Kürzungen bei den Renten erforderlich macht. Um im nächsten Jahr nicht wieder tonnenweise Paprikaschoten vernichten zu müssen, wird die Anbaufläche verkleinert.

ABER: Abgesehen davon, dass die Polen in dieser sonderbaren Paprikawelt nun zum Verhungern verurteilt sind, ist nichts Schlimmes zu beobachten.

 

Spinnen wir das Gedankenexperiment ein bisschen weiter. Stellen Sie sich vor, alle Paprika-Märkte werden auf Automatenbetrieb umgestellt. Sämtliche Kassiererinnen werden entlassen und melden sich arbeitslos.

Haben Sie die Auswirkungen dieser Maßnahme immer noch vollständig auf dem Schirm, oder wird das schon viel zu kompliziert?

Nehmen wir an, in dieser Welt sitzen verantwortliche, unbestechliche Politiker an den Schalthebeln der Macht und sind bestrebt, wirklich das Beste für das Volk zu tun. Dann wird man zuerst die Mehrwertsteuer soweit erhöhen, dass die Mehreinnahmen ausreichen, um den arbeitslosen Paprikaverkäuferinnen den Regelsatz auszahlen zu können, so dass diese nicht, wie die Polen, verhungern müssen, aber den Gürtel schon ein bisschen enger schnallen.

Außerdem müssen natürlich auch die Pflanzer, die Gießer und die Dünger jeweils ihre Gürtel enger schnallen, weil bei steigenden Preisen, wegen der Mehrwertsteuer-Erhöhung  und gleichbleibenden Löhnen, einfach weniger Paprika fürs Geld zu bekommen ist.

Unter dem Strich fällt auf, dass Paprikaschoten im Gegenwert der eingesparten Löhne der Verkäuferinnen am Ende als unverkäufliche Reste in die Tonne getreten werden müssen.

Natürlich könnte der Dachverband der Paprikawirtschaft beschließen,
die Ladenpreise für Paprika aller Sorten und Qualitätsklassen so weit zu senken,
dass trotz der vielen arbeitslosen Verkäuferinnen, die auf Hartz-IV angewiesen sind,
nd trotz des durch die Mehrwertsteuererhöhung ausgelösten Kaufkraftverlustes
alle Paprikaschoten verkauft und alle Bewohner dieser Welt
(Polen bleiben ausgenommen)
wieder satt werden könnten…

…  doch wofür hätte man dann rationalisiert?

 Der Staat, dessen Haushalt nun definitiv ins Defizit abgleitet, könnte sich zwar verschulden, die Überproduktion aufkaufen und an die Bedürftigen verteilen, ja sogar Hilfslieferungen nach Polen schicken, doch die Prognose weiter wachsender Ausgaben bei weiter sinkenden Steuereinnahmen für die nächsten Jahre lässt solch leichtfertigtes Tun zu Lasten der nachfolgenden Generationen einfach nicht zu.

Der Dachverband der Paprikawirtschaft kommt anlässlich seiner Jahreshauptversammlung zu der bitteren Erkenntnis, dass man zwar die Zeichen der Zeit erkannt und alles unternommen habe, um auch weiter als Rückgrat der Volkswirtschaft gute Geschäfte machen zu können, doch fehle es in letzter Zeit irgendwie an der Bereitschaft, Paprika zu konsumieren, so dass Umsatz und Ertrag leider, leider nun schon im zweiten Jahr rückläufig seien. Der Verband beschließt, eine polnische Werbeagentur mit der Einrichtung einer gemeinsamen Versuchsküche zu betrauen, die leckere Paprikagerichte kreieren wird und eine einmalige Werbekampagne mit diesen neuen Rezepten und viel guter Laune durchziehen soll, um wieder mehr Lust auf Paprika in die Welt zu bringen.

Klar, die Kosten der Werbekampagne wirken preistreibend. Tatsächlich steigt der Verkaufserlös, weil sich der Export nach Polen wieder belebt, andererseits bleiben die Verkaufserfolge in Deutschland mau, die höheren Preise sorgen für einen rückläufigen Mengenabsatz, so dass wieder viele Tonnen Paprika in die Tonne getreten werden müssen.

 

Alles auf Anfang! Weg mit dem technischen Fortschritt, weg mit den Robotern!

Quatsch! Das Problem wird nicht durch die Technik verursacht. Die hilft doch nur, einem Leben in Glück und Wohlstand immer näher zu kommen, ja irgendwie das Schlaraffenland noch erleben zu dürfen. Aber das stimmt so leider auch nicht. Die ganze Geschichte, wie Sie uns wieder und wieder erzählt wird, stimmt hinten und vorne nicht.

Es ist ja schon irre, wenn argumentiert wird, um die wachsende Menschheit versorgen zu können, müsse die Arbeit immer weiter automatisiert werden. Und zwar einesteils, um die Mengen bewältigen zu können, und andererseits, um die Preise attraktiv gestalten zu können.

Diese Gedanken entspringen einer rein betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise und folgen den Gesetzen des Wettbewerbs in einem vermeintlich unendlichen Markt. Dort wird derjenige Unternehmer, der mit den niedrigsten Kosten die nachgefragten Mengen zu konkurrenzlos niedrigen Preisen anbieten kann, den Wettbewerb gewinnen. Volkswirtschaftlich betrachtet muss allerdings die Kostenersparnis durch Rationalisierung höher ausfallen als die an den Markt weitergegebene Preissenkung. D.h., der Gewinn des Siegers im Wettbewerb in einem Marktsegment, hat im gesamten Wirtschaftsraum die Freistellung von Arbeitskräften und ein Absinken der Nachfrage zur Folge.

Dieser schleichende Prozess bleibt nahezu unsichtbar, solange es immer noch gelingt, neue Schuldner aufzutreiben, z.B. durch die Erweiterung der EU, solange es immer noch gelingt, neue Exportmärkte zu erschließen und solange es noch gelingt, Vermögen – und vor allem „Volksvermögen im Zuge der so genannten Privatisierung – zu liquidieren. Es ist wie der Sprung vom Dach des Hochhauses, der, je länger er dauert, die Gewissheit verstärkt, was so lange gutgegangen ist, könne gar nicht mehr schiefgehen.

 

Um die Problematik, die hier nur angerissen werden kann, vollends zu überblicken, braucht es sowohl das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten und Strategien erfolgreichen, betriebswirtschaftlichen Handelns, die Erkenntnis, wie betriebswirtschaftliche Entscheidungen im Wettbewerb stehender Unternehmen volkswirtschaftliche Entwicklungen, in positiver wie in negativer Richtung auslösen, und die Fähigkeit, im scheinbaren Chaos der freien Marktwirtschaft jene Knackpunkte zu erkennen, die das  gesamte System zum Kippen bringen können.

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Weil es ihm darum ging, das Verständnis für das „Ganze“ zu fördern, ist er zudem in weiten Teilen auf die volkswirtschaftlichen Implikationen eingegangen.

Als ich, als Verleger, mich mit dem Manuskript befasste, kam ich auf die Idee, zu den einzelnen Kapiteln noch einige ergänzende Aussagen zu
machen, die auch noch den Blick für die systemischen Knackpunkte öffnen, die in der Hektik des erfolgreichen Tagesgeschäftes nicht
wahrgenommen oder schlicht ignoriert werden.

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